Die "Kunst des Leidens"
Leiden entsteht, wenn Bedürfnisse nicht erfüllt sind.
Kurz gesagt leiden wir immer dann, wenn unsere Bedürfnisse nicht befriedigt sind.
Die Bedürfnisse können eingeteilt werden in körperliche, psychologische und spirituelle.
Körperliche Bedürfnisse sind Nahrung, Kleidung, Wärme, Gesundheit, körperliche Unversehrtheit etc.
So lange diese nicht erfüllt sind, machen wir uns wenige Gedanken über psychologische Bedürfnisse, weil wir so sehr damit beschäftigt sind, das nackte Leben zu erhalten. Erst wenn die körperlichen Bedürfnisse einigermaßen abgedeckt sind, haben wir überhaupt genug Kapazität, dass sich die psychologischen Bedürfnisse melden können.
Psychologische Bedürfnisse sind z.B. Liebe, Signifikanz (Wirksamkeit, Anerkennung, Gesehenwerden), Abwechslung, Beitragleisten, Wachstum, Sicherheit (z.B. Klarheit, Zugehörigkeit, Gewissheit) etc. Manche dieser Bedürfnisse geraten extrem schnell in Mangel - und dann leiden wir. Dies liegt an unserer Wahrnehmung: aufgrund unserer Konditionierungen und Glaubensmuster sehen wir die Welt nicht, wie sie ist, sondern durch einen Filter. Und alles, was wir erleben, interpretieren wir anhand dieses Filters. Wir sind nicht in der Lage, zu beobachten, ohne zu bewerten oder zu interpretieren.
Spirituelle Bedürfnisse sind Einheit und Gotteserfahrung - diese Bedürfnisse melden sich meist nur, wenn alle psychologischen und körperlichen Bedürfnisse erfüllt sind. Wir leiden dann an der schieren Existenz unseres Ichs.
Was ist Leiden?
Wir leiden immer dann, wenn wir den gegenwärtigen Moment nicht haben wollen, wie er ist.
Etwas muss sich ändern. Oder jemand muss sich ändern.
Es gibt körperliches, psychologisches und spirituelles Leiden.
Körperliches Leiden sind z.B. Schmerzen, Krankheiten, Gebrechen, Verspannungen, Allergien etc. Gegen körperliches Leiden tun wir etwas, indem wir zum Arzt gehen, einen Heiler aufsuchen, uns massieren lassen, uns operieren lassen etc.
Die psychologischen Bedürfnisse machen den größten Teil des Leidens aus. Psychologisches Leiden sind z.B. alle Arten von negativen Emotionen, Glaubensmuster etc. Wir finden jemanden blöd, wir fühlen uns als Opfer, jemand hat uns etwas angetan usw. Manche Menschen verbringen ihr ganzes Leben im psychologischen Leiden, und wenn das psychologische Leid zu groß wird, wird es umgewandelt in körperliches Leiden: man entwickelt Krankheiten.
Spirituelles Leiden besteht in der Erkenntnis, dass man getrennt ist von allem, dass man im Verstand gefangen ist - und dass man nichts daran ändern kann.
Leiden besteht nicht in der Tatsache selbst, sondern in der Wahrnehmung der Tatsache.
Was heißt das? Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist. Wir sehen sie, wie wir sind.
Dinge geschehen, und wir interpretieren etwas hinein - und die Interpretation erzeugt das Leiden. Was wir hineininterpretieren, hängt von den Konditionierungen unserer frühen Kindheit ab. Dort haben wir viele traumatisierende Ereignisse erlebt, aber die adäquaten Emotionen haben wir nicht vollständig erfahren. Diese Emotionen sind in der Amygdala gesichert wie in Fort Knox - sie bilden unsere Prägungen und unsere Wahrnehmung der Welt. Und sie bilden eine Art "Ladung". Von der Welt nehmen wir nur das wahr, was zu unserer Ladung passt und interpretieren etwas in die Situation hinein. So entsteht Leiden.
Was ist die "Kunst des Leidens"?
Jedes Gefühl, das vollständig erfahren wurde, verwandelt sich in Freude. Es geht also darum, das Leiden vollständig zu erfahren. Jede leidvolle Situation (und das kann auch schon ein ärgerlicher Moment sein) triggert einen Gedanken, und dieser triggert eine Körpersensation. Bei der Kunst des Leidens geht es darum, die Körpersensation vollständig zu erfahren, bis sie "fertig" ist. Dass es eine Kunst ist, liegt daran, dass es so schwer ist, bei dem Gefühl zu bleiben...
Die Fluchtwege des Verstandes
Es ist so schwer, bei dem Gefühl zu bleiben, weil der Verstand uns ständig entführt. Wir haben unerschöpfliche Fluchtwege, und diese sind uns meist gar nicht als solche bewusst: Wir versuchen, den Schmerz zu vermeiden, indem wir uns ablenken, wir verurteilen ("Mein Partner ist schuld"), wir rationalisieren, wir geben ihm eine tiefere Bedeutung ("Es ist eine göttliche Prüfung"), wir versinken in Selbstmitleid etc. Oder wir werden süchtig nach dem Leid, weil es sich so vertraut und gemütlich anfühlt.
Wie kann man die Fluchtwege des Verstandes abschneiden?
Vor allem durch Aufmerksamkeit. Sich liebevoll und gleichzeitig streng beobachten und bemerken, wenn der Verstand versucht, dem Leiden auszuweichen.